Digitales Lernen – Segen oder Fluch?

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Auch, wenn mit Laptop und Smartphone die Digitalisierung längst Einzug in deutsche Kinder- und Jugend-zimmer gehalten hat, ist man an Schulen immernoch skeptisch, wenn es um den Einsatz von digitalen Medien als Unterrichtswerkzeug geht. In unserem Interview sprechen wir daher mit dem Experten Yves Douma über digitales Lernen, über Modelle in anderen Ländern und Vorurteile auf Eltern- und Lehrerseite. Speziell zur Thematik "E- und M-Learing in Schulen etablieren" wird im Januar 2017 ein Online-Seminar von ihm erscheinen.

SchulVerwaltung.de:
E- und M-Learning – was genau kann man sich darunter vorstellen?

Yves Douma:
Scherzhaft ausgedrückt: Wenn E-Learning Obst ist, dann ist M-Learning sowas wie die Banane. E-Learning ist der Oberbegriff, M-Learning die derzeit beliebteste Form des E-Learnings.
Der Begriff E-Learning ist noch so ein denglisches Wort und eine Abkürzung für „Electronic Learning“. Ich finde, dass die inzwischen 15 Jahre alte Definition von Kerres (2001) noch immer passt – 15 Jahre sind in der Digitalen Welt eine Ewigkeit – danach umfasst E-Learning alle Lern- und Lehrbereiche, bei denen elektronische oder digitale Medien für die Präsentation und Distribution von Lernmaterialien und/oder Unterstützung zwischenmenschlicher Kommunikation zum Einsatz kommen.
E-Learning meint also das Lernen mit Computern (Hardware) und Computerprogrammen (Software). Synonyme für E-Learning sind nach Leidlmair (2011) Online-Lernen, Telelernen, multimediales Lernen, ComputerBased Training, Distance-Learning und computergestütztes Lernen“.
M-Learning ist eine ebenfalls denglische Abkürzung für Mobile Learning und bezeichnet alle Formen des E-Learning bei denen nicht stationäre, sondern portable Endgeräte zum Einsatz kommen - also nicht mehr das Riesen-Trumm von Desktop-Computer auf dem Tisch im Computerraum, sondern die kleinen leichten Smartphones, Tablets und Convertibles überall auf dem Schulgelände und sogar zuhause oder sonst wo. Convertibles sind - für alle die noch nicht über das Wort gestolpert sind - eine Mischung aus Laptop und Tablet.
Eigentlich ist mobiles Lernen und Lehren ja auch ohne Technikgedöns immer und überall möglich, mit Büchern und Gesprächen - aber die Begriffe sind jetzt nun mal so geprägt.
Es ist mir wichtig, in meinen Seminaren und Trainings rüber zu bringen, dass das M-Learning keine eigenständige Lehr- und Lernkonzeption darstellt und in Kompetenzentwicklungsprozessen lediglich adjuvante, also zusätzlich-unterstützende Funktionen übernehmen kann.


SchulVerwaltung.de:
Warum ist die Sensibilisierung der Schulen für Digitale Bildung so wichtig?

Yves Douma:
Die Digitalisierung nicht nur der Schule, sondern beinahe aller Lebensbereiche lässt sich wie eine Rakete vorstellen, die die ganze Menschheit in die Zukunft schießt. Die erste Stufe der Digitalisierungs-Zukunfts-Rakete wurde schon 1990 gezündet, als die us-amerikanische National Science Foundation das Internet für kommerzielle Zwecke geöffnet hat. Da ging das erst mal noch ganz langsam und behäbig los. Aber seit Apple 2007 das erste iPhone auf den Markt gebracht hat, hat die Digitalisierungsrakete sozusagen Warp-Geschwindigkeit erreicht – für alle Nicht-Nerds und nicht Star Trek-Fans: Warp 1 ist verdammt schnell.
Die Frage ist ja nicht, ob die Schulen hier in Deutschland auch von der Digitalisierungs-Rakete mitgerissen werden, sondern wie wir dieses Momentum für die Gesellschaft und die zukünftigen Generationen nutzen können.

Wir müssen als Bevölkerung noch besser darin werden, Behauptungen und Meinungen im Internet kritisch zu hinterfragen und uns nicht vom Mob in den sozialen Medien verrohen zu lassen.


Korea mit seinen drei großen Konzernen für digitale Endgeräte hat als erstes Land weltweit schon 1995 begonnen, seine Schulen systematisch zu digitalisieren. Die sind uns mindestens 10 Jahre voraus. Die Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer dort sind nicht nur nachweislich viel medienkompetenter als wir hier. Die haben auch ein Riesen-Smartphone-Suchtproblem dort, was sich unter anderem an den mindestens 140 öffentlichen Smartphonesucht-Behandlungszentren ablesen lässt.
Oder nehmen Sie das Hass- und Hetze-Phänomen in den sozialen Medien. Mit mehr Medienkompetenz könnte sicherlich dazu beigetragen werden, Populisten wie Donald Trump das Wasser abzugraben. Wir müssen als Bevölkerung noch besser darin werden, Behauptungen und Meinungen im Internet kritisch zu hinterfragen und uns nicht vom Mob in den sozialen Medien verrohen zu lassen.
Allem Kultur- und Technikpessimismus zum Trotz können wissenschaftliche Studien zeigen, dass M-Learning Potentiale hat, die Schülerinnen und Schüler zum Lernen zu motivieren sowie Lehr und Lernprozesse zu beschleunigen.
Es gilt jetzt, die nachkommenden Generationen dabei zu unterstützen, individuelle und kollektive Chancen zu ergreifen und Risiken möglichst zu vermeiden. Die Schule kann dabei eine zentrale Rolle spielen.

SchulVerwaltung.de:
Obwohl die Digitale Bildung nicht erst seit gestern auf dem Vormarsch ist, gibt es immer noch Bedenken von Schul- und Elternseite. Welchen begegnen Sie da am häufigsten?

Yves Douma:
Die Professorin für Medienpsychologie und Medienkonzeption Nicola Döring und die Medienexpertin Nicole Kleeberg haben diese Bedenken schon vor zehn Jahren in dem wie ich finde sehr interessanten Paper „Mobiles Lernen in der Schule. Entwicklungs- und Forschungsstand“ zu sieben Risikokategorien zusammengefasst: Gesundheit, Ökologie, Technik, Soziales, Personales, Didaktik und Schulpolitik – aus all diesen Bereichen kommen die Bedenken.
Ich erlebe es in meinen Seminaren und Trainings häufig, dass insbesondere erfahrene Lehrerinnen und Lehrer noch einen achten Bereich nennen und das ist die Bildungspolitik. Im Bildungssystem regiert die ökonomische Knappheit und wenn diese Lehrerinnen und Lehrer sehen, dass jetzt vom Bundesbildungsministerium 5 Milliarden Euros nur für neues Technikgedöns in den Schulen ausgegeben werden sollen, während gleichzeitig an allen Ecken und Enden in der Schule das Geld fehlt… na dann kommt einfach Ärger auf. Ich als ehemaliger Mint-und Musiklehrer kann diesen Ärger sehr gut verstehen.
Ich plädiere dafür, das Geld trotzdem mitzunehmen und sich gleichzeitig für noch mehr finanzielle Mittel im Bildungssystem einzusetzen.

SchulVerwaltung.de:
Im Januar erscheint Ihr Online-Seminar „E- und M-Learning in Schulen etablieren“. Was können Schulleiter hieraus alles mitnehmen?

Yves Douma:
Das, was ich in dem Online-Seminar da mache, lässt sich als sowas wie ein schulpolitischer Aikido-Lehrgang sehen: Mit den Ansätzen in dem Online-Seminar können Schulleitungen auf friedliche Weise die Konflikte lösen, die unweigerlich auftreten, wenn Schulen sich auf die Digitalisierung einlassen.
Dabei sind das eigentlich kein richtigen Konflikte, weil es eben keine Gegnerinnen und Gegner gibt - nur Menschen, die sich dafür engagieren, die von ihnen wahrgenommenen Nachteile der Digitalisierung zu vermeiden – und/oder deren Vorteile optimal nutzen zu können. Wenn die Einwände integriert und die Potentiale erkannt werden, dann können nachhaltige Medienkonzepte daraus entstehen.
Ich hab erlebt, dass mit diesen Ansätzen die Digitalisierung der Schule einfach mehr Erfolg hat – und dabei sogar Spaß machen kann.