„Gute Evaluation ist vor allen Dingen gutes Feedback”

Torsten Klieme ist Direktor des Landesschulamtes Sachsen-Anhalt mit Sitz in Halle. Ab Mitte September hält Klieme in der Mediathek auf SchulVerwaltung.de ein Online-Seminar über externe Evaluation von Schulen. Stellvertretend für SchuVerwaltung.de sprach er mit Andrej Priboschek über die Vorbehalte der Lehrer gegenüber dieser Evaluationen.

A. Priboschek:

Herr Klieme, welche Schulfächer haben Sie studiert?

Torsten Klieme:

Geschichte und Sport.

A. Priboschek:

Warum haben Sie nie als Lehrer gearbeitet?

Torsten Klieme:

Die Umstände haben dafür gesorgt. Ich habe 1992 mein Studium beendet und dann mein Referendariat und das 2.Staatsexamen absolviert. Leider gab es Anfang der 90er Jahre in Sachsen-Anhalt kaum Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Lehrer. So habe ist erst ein Jahr als LKW-Fahrer in einer Baufirma gearbeitet. Dann habe ich mich auf eine Stelle bei der SPD-Landtagsfraktion beworben als  wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Bildung und Wissenschaft. Das habe ich bis 1998 gemacht. Dann nahm ich das Angebot des damaligen Kultusministers Karl-Heinz Reck an, Leiter des Ministerbüros zu werden. Danach, ab 2002, folgten die Leitung des Referats für Schulentwicklungsplanung, Schulbau- und  Lernmittelversorgung und andere Stationen. Von 2008 bis `12 war ich Referatsleiter für Qualitätsentwicklung im Kultusministerium. Da ging es für mich dann auch ganz konkret  um externe Evaluation von Schulen. Seit 2012 bin ich Direktor des Landesschulamtes Sachsen-Anhalt, das Thema „Qualität von Schulen“ steht natürlich auch bei dieser Aufgabe zentral im Fokus.

A. Priboschek:

Können Sie verstehen, dass Lehrpersonen Berührungsängste haben, wenn externe Experten ihre Schulen evaluieren?


Torsten Klieme:

Ich habe dafür großes Verständnis, zwei Gründe will ich skizzieren: Erstens entspricht es nicht unserer Tradition, dass Lehrer beobachtet werden. Mit dem Klingeln der Schulglocke ist der Lehrer allein verantwortlich. Dies ist eine kulturelle Gewohnheit. In der Situation einer Evaluation denken viele Lehrer, dass sie kontrolliert werden und aktiv geprüft wird ob sie etwas falsch gemacht haben.
Zweitens sind wir sind auch nach zehn Jahren noch nicht überall zu den Lehrern durchgedrungen, dass die externe Evaluation keine Kontrolle ist, sondern eine Hilfestellung, ein Außenblick der Stärken und Schwächen identifiziert und Anstöße für Schulentwicklung geben soll

A. Priboschek:

Haben Sie unterschiedliche Erfahrungen mit dem Widerstand?

Torsten Klieme:

Ich bin mir nicht sicher ob Widerstand nicht ein wenig zu stark formuliert ist, ich würde eher von Vorbehalten sprechen. Aber die gibt es sehr , sehr häufig und zwar von ganz unterschiedlichen Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die unterschiedlichen Erfahrungen lassen sich jedoch nicht an Schulform oder Alter der Lehrpersonen festmachen. Wir wissen jedoch inzwischen, dass, wenn eine Evaluation durch ein professionelles Team gut vorbereitet und erklärt wird, die Chancen da sind, dass  Schulen positiv mitwirken und den eigenen Mehrwert erkennen.

A. Priboschek:

Aus welchen Personen besteht ein solches Team?


Torsten Klieme:

Bei uns in Sachsen- Anhalt aus Experten des Fachbereichs im Landesinstitut und aus Praxisvertretern, also Lehrern oder Schulleitern.

A. Priboschek:

Wie läuft eine solche Evaluation ab?

Torsten Klieme:

In kleineren Schulen dauert sie zwei Tage und wird von zwei bis drei Personen durchgeführt. Bei größeren Schulen, wie Berufsbildenden Schulen, sind die Teams größer und an bis zu fünf Tagen vor Ort. Alle Länder haben einen Qualitätsleitfaden für die Evaluation: Nach bestimmten Kriterien werden Bereiche wie Unterricht, Schülerleistungen und  Management angeschaut. Die zentralen Instrumentarien sind Interviews, Unterrichtbesuche und Dokumentenanalysen. Bei den Besuchen haben wir uns für ein System entschieden, indem wir möglichst viele Unterrichtssequenzen anschauen, also keine kompletten Stunden sondern 20 Minuten Sequenzen. In der Summe bekommen wir damit wir eine Idee von der Unterrichtskultur der .und erwecken gar nicht den Anschein Aussagen zur Unterrichtsqualität einzelner Lehrpersonen geben zu wollen.
Den Evaluationsbericht bekommen nur die Schule und der Schulrat. Das Evaluationsteam stellt den Bericht an zu einem gesonderten Termin in der Schule nochmal vor.

A. Priboschek:

Wie gehen die Schulen mit den Berichten um?

Torsten Klieme:

In der Theorie analysieren die Schulen den Bericht und leiten daraus Entwicklungsschritte oder Innovationsvorhaben ab. Dabei unterstützt die Schulaufsicht.. Mein Kritikpunkt an dem Verfahren setzt genau hier an: Diese Hoffnung hat sich nicht realisiert, die Evaluationsberichte lösen keinen Automatismus „Schulentwicklung“ aus. Viele Schulen nehmen die Anregungen aus dem Bericht nicht an. Er landet in der  Schublade und das ist auch mit Blick auf den betriebenen Aufwand schlicht nicht akzeptabel.

A. Priboschek:

Woran liegt das?

Torsten Klieme:

Ein Grund könnte die Art und Weise der Durchführung der Evaluation und die Aussagekraft der Berichte sein. Wir wissen inzwischen auch, dass schon die Frage ob die Evaluationsteams von den Schulen als authentisch und kompetent empfunden werden, eine große Rolle spielt. Der zweite Grund könnte sein, dass es Systeme gibt – und eine Reihe von Schulen sind vielleicht ein solches - die stärker resistent sind, gegen äußere Veränderungsimpulse.

A. Priboschek:

Einige Bundesländer haben die externen Evaluationen aufgrund dieser Problematiken wieder eingestellt. Wie reagieren Sie?

Torsten Klieme:

Sachsen- Anhalt gehört zu den Ländern die nicht kurzfristig aussteigen wollen .Wir versuchen vielmehr Wege zu finden, die das Verhältnis von Aufwand und Nutzen bei der Evaluation verbessern. Wie arbeiten bereits an den Instrumentarien, einiges läuft auch bereits: Schulen können stärker mitreden und eigene Vorschläge machen, was evaluiert werden soll.. Eine gute Evaluation ist ein vor allen Dingen gutes Feedback und darauf ist man schlicht angewiesen wenn man die Qualität der Arbeit seiner Einrichtung verbessern will.

A. Priboschek:

Ab Mitte September steht ein Webinar in der Mediathek der Internetseite Schulverwaltung.de online. Wen sprechen Sie mit Ihrem Webinar an?

Torsten Klieme:

Im Grunde alle, die in solch ein Evaluation involviert sind: Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer und in der Evaluation Tätige.

 

Das Online-Seminar von Torsten Klieme können Sie sich als Premium-Mitglied von Schulverwaltung.de ab dem 10. September hier ansehen. Falls Sie kein Mitglied sind, können Sie das Online-Seminar, ebenfalls ab dem 10. September, hier käuflich erwerben.