Unterrichtsqualität und Schulentwicklung richtig voranbringen

Ein aktueller Überblick über Lehr- und Lernmethoden ist für die gute Arbeit einer Lehrkraft unerlässlich. Diesen findet man im neuen Werk "Lernprozesse im Unterricht moderieren", dessen erster Band im März erscheinen wird. Die Redaktion von SchulVerwaltung.de hat bereits jetzt mit einem der Autoren, Prof. Dr. habil. Klaus Konrad, zu Lehr- und Lernprozessen, Unterrichtsmethoden und seinem Buch gesprochen.

 

SchulVerwaltung.de:
Herr Prof. Dr. Konrad, das Vermitteln des Lernstoffes ist die Kernaufgabe des Unterrichten-den, die richtigen Methoden können hier entscheidend sein – werden Lehrkräfte nach Ihrer Einschätzung hinreichend für diese wichtige Aufgabe geschult und fortlaufend weitergebildet?

Prof. Dr. Klaus Konrad:
Soweit ich es beurteilen kann, erhalten zukünftige Lehrkräfte an den meisten Hochschulen eine fundierte Methodenausbildung. Kritiker sehen sogar einen zu hohen Anteil der Lehr-Lernmethoden zulasten der Wissensvermittlung. Ich finde, das eine schließt das andere nicht aus. Handelt es sich darum, die lebenspraktische Nutzung von Kenntnissen und Fertigkeiten zu üben, so sind Varianten der Projektmethode, des offenen Unterrichts und der Teamarbeit als Vermittlungsstrategien unerlässlich. Ist die pädagogische Zielsetzung auf das Erlernen des Lernens gerichtet, so müssen die Schüler unter Anleitung des Lehrers möglichst selbstständig und selbstreflexiv arbeiten.

Erfolgreicher Unterricht erfordert unterschiedliche Lernmethoden. Es sollte künftig keinen Lehrer mehr geben, der meint, mit einem Unterrichtsverfahren auszukommen - weil er nur dieses be-herrscht. Lehrkräfte werden dann hinreichend für diese wichtige Aufgabe geschult, wenn
das Training mindestens drei Elemente beeinhaltet:

• theoretische Begründung
• empirische Bestätigung
• reflexive Praxis

Die Frage ist allerdings wie nachhaltig das Methodenrepertoire vieler Lehrer ist. Was passiert, wenn Hürden oder Barrieren auftreten? Gibt es Kritik oder erscheint die Stofffülle zu groß, greifen viele Kollegen wieder auf den vermeintlich sicheren lehrergelenkten Unterricht zurück. Umso wichtiger ist es, immer weiter zu lernen. Es geht um ständige Weiterbildung und das lebenslange Lernen. Ein breites, flexibel anwendbares Methodenrepertoire muss systematisch erworben werden. Und zwar über die Studienzeit hinaus.  Um die notwendigen Kompetenzerweiterungen der Lehrenden und die damit erreichbaren Verbesserungen der Unterrichtsqualität zu gewährleisten, müsste für Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen eine intensive Weiterbildungsoffensive gestartet werden.

 

SchulVerwaltung.de:
Welche Faktoren sind zu berücksichtigen, um ein gelingendes Lernen und Lehren zu gewährleisten?

Prof. Dr. Klaus Konrad:
Es gibt ein Modell des "erfolgreichen Lerners", das amerikanische Forscher entwickelt haben. Ich meine das Modell der guten Informationsverarbeitung nach Pressley, Borkowski und Schneider (1989). Die Autoren sind der Auffassung, dass ein planvolles und selbstgesteuertes Lernverhalten die Voraussetzung für das Lernen aller bedeutungshaltigen Inhalte ist.

Dem erfolgreichen Lernenden können beispielsweise die folgenden Eigenschaften zugeschrieben werden:

• Sie planen ihr Lernverhalten
• Sie nutzen effiziente Lernstrategien
• Sie wissen, wie und warum solche Strategien einzusetzen sind.
• Sie sind motiviert, diese Strategien einzusetzen.
• Sie sind in der Lage ihre Emotionen zu steuern und ihr Verhalten auf Kurs zu halten; sie sind also willensstark.
• Sie reflektieren ihr Lernverhalten.

Unterricht ist dann gut, wenn er diese Punkte möglichst weitgehend berücksichtigt. Das geschieht allerdings nicht hinreichend: In meiner Wahrnehmung ist ein erheblicher Teil des Unterrichts zu wis-sensbezogenen und zu wenig verständnisorientiert. In vielen Klassen hangeln sich die Lehrer an den Forderungen des Lehrplans entlang und vermitteln vielerlei Kenntnisse, ohne danach zu fragen, wie gründlich, wie tiefschürfend und wie selbständig die einzelnen Schüler das "Stoffpensum" tatsäch-lich verstanden haben. Dazu passen auch die sieben G’s, die zurecht hinterfragt werden. Der glei-che Lehrer unterrichtet alle gleichaltrigen Schüler im gleichen Tempo mit dem gleichen Material im gleichen Raum mit den gleichen Methoden und dem gleichen Ziel – das geht nicht mehr.
 
Ich halte den kompetenzorientierten Unterricht für erstrebenswert.  Es geht um den Erwerb von Kompetenzen, die in einem traditionell lehrerzentrierten und lehrstofforientierten Unterrichtsver-ständnis nicht hinreichend erworben werden können. Kompetenzorientierter Unterricht legt den Leh-rer nicht fest. Er kann alles tun, was gezielt die Entwicklung individueller Kompetenzen (also Wis-sen, Können und Wollen) beabsichtigt.  Ein kompetenzorientierter Unterricht, der diese Aneignung vorbereitet, unterstützt und die Verantwortung von Schülerinnen und Schülern für die eigenen Lern-prozesse stärkt, ist erfolgreich.

In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass sich Schule beschränken muss! Bildung ist nicht das, was man während der Schulzeit erwirbt. Vielmehr initiiert Schule lebenslanges Lernen. Dies betrifft die Lerninhalte, aber auch die zu erwerbenden Strategien und Fähigkeiten. Was am Ende der Schulzeit stehen sollte, ist unabgeschlossen.

 

Es geht ferner darum, Schulleiter und Dozenten auf vorhandene Lücken in der Ausbildung vieler pädagogischer Berufe hinzuweisen und sie in Ihren Führungsaufgaben sowie pädagogisch-psychologischen Kompetenzen zu unterstützen.

 

Schulverwaltung.de:
Sie haben, gemeinsam mit Herrn Dr. Dominik Bernhart, das Buch "Lernprozesse im Unter-richt moderieren" erarbeitet. Der erste Band wird in Kürze erscheinen. Inwiefern kann dieser Band Schulleitungen, Lehrkräfte und Dozenten bei ihrer Arbeit rund um die Unterrichtsentwicklung unterstützen?

Prof. Dr. Klaus Konrad:
Alle von Ihnen genannten Personen können in unterschiedlicher Weise von diesem Buch profitie-ren. Lehrkräfte, Schulleiter und Dozenten erfahren, was erfolgreiches Lernen ausmacht, und in welchem Maße das in ihrer Schule umgesetzt wird.
Die in unserem Buch berichteten Erkenntnisse münden in Lehrmethoden sowie -arrangements, die aktives, selbstgesteuertes und tiefergehendes Lernen von Schülern maximieren. Das ist für verschiedene Zielgruppen von hohem Interesse.

Es geht ferner darum, Schulleiter und Dozenten auf vorhandene Lücken in der Ausbildung vieler pädagogischer Berufe hinzuweisen und sie in Ihren Führungsaufgaben sowie pädagogisch-psychologischen Kompetenzen zu unterstützen. Checklisten, Hinweise, Hervorhebungen und Abbildungen, ebenso wie praxisrelevante Tipps und Tricks, wollen den interessierten Leser auf den neuesten Stand bringen. Alle Zielgruppen erhalten außerdem Leitlinien hinsichtlich einer erfolgreichen Schul- und Qualitätsentwicklung. Hier geht es durchaus um konkrete Anregungen, etwa was den Wert und Einsatz von Evaluationsverfahren und die Entwicklung von Messinstrumenten anbelangt.

Schließlich gibt es für den Leser ganz konkrete Tipps. Ein Beispiel sind Methoden der Strukturie-rung und Visualisierung, die sie in ihren Lerngruppen, Gremien und Teams selbst anwenden kön-nen.

 

SchulVerwaltung.de:
Der zweite Band nennt sich "Unterrichtskompetenz im Team entwickeln". Können Sie bereits einen kurzen Ausblick geben, was die Leser in diesem Band erwartet?

Prof. Dr. Klaus Konrad:
Band II unserer Reihe erweitert die Perspektive. Über das Unterrichten hinaus richten wir den Blick auf die Entwicklung des Systems Schule. Wir gehen unter anderem den folgenden Fragen nach:

1. Inwiefern sind Lernende und Lehrkräfte Mitglieder einer lernenden Organisation?
Was bedeutet das Verständnis von "Schule als lernender Organisation" für die Schulentwicklung?

2. Wie kann die Nachhaltigkeit von Lehrerfortbildungen gewährleistet werden?
Welche Forschungsergebnisse liegen dazu vor?

3.  Warum ist „Wissen“ nicht gleich „Handeln“?
Wie kommen „träges Wissen“ und „handlungsrelevantes Wissen“ zustande?

4. Welche Elemente und Eigenschaften weisen wirkungsvolle Trainings für Lehrer auf? Welche Rolle spielt dabei die soziale Unterstützung?

5. Wie sehen konkrete Umsetzungsmodelle für die schulische Entwicklungsarbeit aus? Wie können Lehrer und Schulleiter davon profitieren?

 

Den 1. Band des Buches "Lernprozesse im Unterricht moderieren" kann bereits jetzt auf Schulverwaltung.de vorbestellt werden.